Grundansatz: Der Avatarismus der Gegenwart auf der Bühne

 

Jeder ist sein eigener Avatar

In einer Zeit, in der sich vermehrt Menschen Avatare in einer zweiten, virtuellen Welt erschaffen und andere dies kritisieren, soll mit dem Mittel der Übertreibung dargestellt werden, daß die Menschheit auch in der ersten Welt (wie immer die eingegrenzt werden soll) schon ewig und mit steigender Zivilisierung immer stärker avatarisch lebt. Baudrillard sprach im weiteren Sinne von Simulakren und beschrieb das Unentrinnbare der Situation. Die Arbeiten von de Haan / von Ernst / Klomfaß versuchen diese Verlorenheit im Raum der Eigen- und Fremdsimulationen anhand der Kommunikation zwischen Individuum und Gesellschaft sowie IN einem Individuum darzustellen und gleichzeitig dem Publikum als körperliche Erfahrung zu vermitteln.

 

Bewußtsein, Rausch und Theater

Mittel der Bewusstwerdung der Komplexität des Daseins, der Vielschichtigkeit und Verborgenheit der inneren Lebenswelt im Gegensatz zur als normal empfundenen (und erfundenen!) Alltagsexistenz ist traditionell die Hervorbringung eines Rauschzustandes. Es besteht der Ehrgeiz, dieses Mittel durch die Möglichkeiten des Theaters anzuwenden, was ja zusätzlich auf den Urgrund und die Urabsicht des Theaters verweist. „Wer bin ich, wenn ich nicht bei mir bin.“ (Peter Kurzeck)

 

Die exemplarischen Individuen und der Chor des Exemplarischen

Die Bühnencharaktere in den Arbeiten von de Haan / von Ernst / Klomfaß werden durch einen spontanen Griff ins Typische gewählt: Menschen, die der Oberfläche nach durchschnittlich sind, auf den zweiten Blick bedauerlich und auf den dritten Blick undurchschaubar wahnsinnig. Das Typische daran ist auch, dass jeder undurchschaubar wahnsinnig wirkt, wenn ihn ein sezierender Blick trifft.          

Der wiederholt besetzte Chor ersetzt alle Fehlenden und stellt den gesellschaftlichen und kulturellen Humus dar, in dem der durchschnittliche Wahnsinn gedeiht.

 

Der Erfolg misslingender Kommunikation nach innen und außen

Das A priori der avataristischen Existenz ist das Misslingen jeder Kommunikation aufgrund der durchweg simulierten Voraussetzungen. Kommunikation wird zu einer Show von Simulationen und zur Inventarkiste des persönlichen Avatars. Da diese Art der Kommunikation in sich selber kreist und fortwährend ähnliche Simulationen produziert, die massenhaft individuell aufgegriffen und ähnlich wiederproduziert werden, kommt es zum Erscheinen des Typischen, der langweiligen Oberfläche aber auch zu den typischen Verborgenheiten (Süchte, Zwänge, Traumwelten und Ängste).

Das Misslingen der Kommunikation kann zu inneren Verschüttungen (bei den Figuren) führen, zu Aneinandervorbeireden, zum bloßen Austausch und Ausstoß von Floskeln (zwischen den Figuren sowie zwischen Figuren und immer beziehungsloser kommentierendem Chor), meist zu völliger Ignoranz (jeder alle, alle jeden). Es ist ein erfolgreiches Misslingen, weil genau diese Kommunikationsform angestrebt wird und der „Normalität“ entspricht. Die Arbeiten von de Haan / von Ernst / Klomfaß sind in diesem Sinne Experimentanordnungen, die durch das Aufzeigen und Aufbrechen, durch die künstlich (künstlerisch) hervorgerufene Kollision u. a. in der Kommunikation gleichermaßen humoristische wie tragische Situationen auf der Bühne zeigen. Hinter den Avataren stecken andere Avatare, die ein ebenso wirkliches Dasein im Inneren der Figuren oder in einer zweiten Lebenswelt der Figuren („Freizeit“ u.ä.) haben, hinter denen aber ebenfalls wieder Avatare stecken … Wann und wie ist ein Mensch er selbst? Eine Frage, die das Theater plastisch aufschlüsseln kann. 

 

19. + 21. + 22. FEBRUAR 2014

 

 

 

"Echt" 

 

ein CLUSTER CLASH

von de Haan / von Ernst / Klomfass